Das Krokodil im Jangtse

Jack Ma hat eBay besiegt, Amazon fast eingeholt – und schickt sich nun an, seinen chinesischen Internetkonzern Alibaba zu einem globalen Konglomerat auszubauen. Wer ist dieser Mann?

Von Heinz-Roger Dohms

Ist Jack Ma eigentlich noch Unternehmer – oder ist er längst Politiker? Oder irgendetwas dazwischen? Oder gar darüber? Jedenfalls saß Ma, Gründer des chinesischen Internetkonzerns Alibaba, kurz nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl bereits mit Donald Trump zusammen. Und versprach ihm, eine Million Arbeitsplätze in den USA zu schaffen. Das war noch bevor Trump erstmals auf Xi Jinping traf, den chinesischen Präsidenten. Auch ansonsten ist der 53-Jährige in der globalen Politik bestens vernetzt. Justin Trudeau, den kanadischen Anti-Trump, empfing er ebenso wie Matteo Renzi, als der noch italienischer Ministerpräsident war. Mit dem australischen Premier Malcolm Turnbull parlierte er auch schon ausgiebig, genau wie mit den Staats- bzw. Regierungschefs von Argentinien, Israel oder Pakistan. Und als Ma im März 2015 die Eröffnungsrede auf der CEBIT in Hannover hielt – da lauschte ihm sogar die Kanzlerin.

Wer ist dieser Mann, über den die „Financial Times“ neulich schrieb, sein Alibaba-Konzern sei „ein Unternehmen, das von sich selbst gern denkt, es sei ein Staat“?

Den meisten Menschen in Deutschland dürfte der Name Jack Ma nicht viel sagen. Weniger jedenfalls als Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos. Gehört hat man allenfalls von Alibaba, dem „chinesischen Amazon“, wie in Zeitungsberichten oft hinzugefügt wird. Dabei stellt sich allmählich die Frage, ob man Amazon nicht genauso das „westliche Alibaba“ nennen könnte. Denn: An der Börse ist der Konzern – obwohl erst seit 2014 überhaupt gelistet – gar nicht mehr so weit von seinem amerikanischen Rivalen entfernt. Mehr als eine halbe Billion Dollar war Alibaba zu Jahresbeginn an der New York Stock Exchange wert, nachdem sich der Kurs zuvor binnen zwölf Monaten rund verdoppelt hatte. Zum Vergleich: Amazon kam zuletzt auf 680 Milliarden Dollar.

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Das Ergebnis des „Global Shopping Festivals“ am 11. 11. 2017: 168,2 Mrd. Yuan, das entspricht 25,3 Mrd. US-Dollar.

„I’m going to war with eBay“

Alles begann mit dem Wort „Bier“. Mitte der 90er-Jahre weilte Jack Ma, ein gelernter Englischlehrer aus der ostchinesischen Großstadt Hangzhou, zum ersten Mal in den USA, um dort einen Bekannten zu besuchen. Dieser machte ihn mit dem damals noch sehr jungen Internet vertraut. Weil ihm nichts Besseres einfiel, tippte Ma den Begriff „Beer“ in die Tastatur. Daraufhin zeigte ihm der Rechner zwar viele amerikanische Biersorten an und auch ein paar deutsche – aber keine einzige chinesische. Und auch sonst schien das Internet über sein Heimatland nicht allzu viel zu wissen.

Zurück in Hangzhou startete Ma einen eigenen Onlinedienst namens „China Pages“, ein Service, der einem ähnlichen Prinzip folgte wie hierzulande die Gelben Seiten. Der Erfolg war bescheiden, wohl auch, weil das Internet in den späten 90er-Jahren noch kaum verbreitet war. Jack Ma ließ sich allerdings nicht entmutigen und startete 1999 sein nächstes Unternehmen – Alibaba.

Das Geschäftsmodell diesmal: eine Onlineplattform für chinesische Unternehmen, um diesen den direkten Zugang zu inländischen wie internationalen Abnehmern zu ermöglichen. Diese Idee funktionierte deutlich besser. Nach wenigen Jahren schrieb das Start-up bereits schwarze Zahlen. Trotzdem kam der endgültige Durchbruch erst 2003, als Jack Ma auf eine scheinbar irrwitzige Idee verfiel – nämlich eBay anzugreifen, obwohl der Onlinemarktplatz damals in China über einen Marktanteil von rund 80 % verfügte. Mas erster Schritt war es, den Amerikanern in einer Reihe von Interviews öffentlich den „Krieg“ zu erklären: „I’m going to war with eBay“.

Vom chinesischen Jungen Ma Yun zu „Jack“ Ma

Dazu muss man wissen, dass die USA für Ma Yun – so lautet sein eigentlicher Name – zeitlebens Sehnsuchtsort und Herausforderung zugleich waren. Geboren wurde er 1964 als Sohn zweier „Pingtan“-Musiker, das ist eine traditionsreiche ostchinesische Kunst, die Gesang und Geschichtenerzählen verbindet. In der Nähe des Hauses, in dem Ma Yun aufwuchs, gab es ein Hotel mit vorwiegend ausländischen Gästen. Jahrelang fuhr der junge Ma fast täglich mit dem Rad hierhin, um den Besuchern kostenlose Stadtführungen anzubieten. Auf diese Weise lernte er Englisch. Mit einem der Gäste schrieb er sich nach dessen Aufenthalt noch regelmäßig Briefe. Dieser nannte ihn „Jack“. Und irgendwann nannte sich Ma Yun auch selbst so.

Nach der Schule studierte er am Hangzhou Teacher’s Institute und schloss Ende der 80er mit einem Bachelor ab; anschließend lehrte er Englisch und Internationalen Handel an der Hangzouh Dianzi University. In Interviews erzählte Jack Ma später, dass er gern in Harvard studiert hätte – er sei aber zehnmal abgelehnt worden. Nicht die einzige Erfahrung dieser Art: Als Kentucky Fried Chicken nach Hangzhou kam, bemühte sich Ma um einen der Managementposten. Genommen wurde er nach eigener Aussage allerdings nicht, ebenso wenig bei Dutzenden anderen Stellen, auf die er sich beworben hatte.

„Think global, act local“ ist auch Mas Erfolgsrezept

Nun mag diesen Erzählungen auch viel Selbststilisierung beigemischt sein. Fest allerdings steht: Mas frühe Biografie deutete nicht darauf hin, dass er einmal der Mann werden würde, der eBay besiegt – Alibaba ist heute an der Börse rund zehnmal so viel wert wie der US-Konkurrent – und der damit die Tektonik zwischen der amerikanischen und der chinesischen Internetbranche ganz grundsätzlich verschiebt.

Jack Ma hätte gern in Harvard studiert – er sei aber zehnmal abgelehnt worden, erzählte Ma in Interviews.

Seinen Angriff auf die US-Plattform stellte Ma unter ein eingängiges Motto: „eBay ist ein Hai im Ozean. Wir aber sind ein Krokodil im Jangtse-Fluss. Wenn wir im Ozean kämpfen, dann verlieren wir. Wenn wir aber im Jangtse kämpfen – dann werden wir gewinnen.“ Weniger metaphorisch gesprochen sah Mas Strategie so aus, dass er den Verkäufern auf seiner „Taobao“ getauften Anti-eBay-Plattform anfangs weder Listing- noch Transaktionsgebühren abverlangte. Dadurch litt Taobao zwar jahrelang unter einem gewaltigen Cashburn, jagte eBay aber Zug um Zug immer mehr Marktanteile ab.

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Der Alibaba-Firmensitz in Hangzhou.

Hinzu kam: Während die Amerikaner ihr westliches Modell quasi 1:1 auf den chinesischen Markt übertrugen, richtete Ma sein Angebot viel stärker an die Eigenarten der heimischen Klientel aus. Statt des in China eher unüblichen Auktionsmodells setzte er in erster Linie auf Konsumenten, die ihre Waren kaufen statt ersteigern wollen. Und während eBay wie in den USA einzig zwischen „Buyer“ und „Seller“ unterschied, kreierte Taobao auf seinem Marktplatz Kategorien wie „Für Männer“ oder „Für Frauen“. Der Erfolg gab dem Krokodil recht. Schon 2006 zog sich eBay entnervt aus dem chinesischen Markt zurück.

Profitabler als Amazon

Heute, gut ein Jahrzehnt später, wird Alibaba immer seltener in einem Atemzug mit eBay genannt. Sondern fast immer mit Amazon verglichen. Dabei sind die Geschäftsmodelle unterschiedlich. Denn Alibaba ist, anders als Amazon, ein reiner Vermittler, ohne eigene Produkte, ohne eigene Warenlager, ohne eigene Auslieferung – und dementsprechend mit viel niedrigeren Fixkosten. Tatsächlich hängen die Chinesen die Amerikaner, was den Gewinn betrifft, regelmäßig deutlich ab. Im vierten Quartal erwirtschaftete Alibaba ein Nachsteuerergebnis von 3,6 Milliarden Dollar. Da konnte Amazon trotz eines – durch die trumpsche Steuerreform begünstigten – Rekordgewinns von 1,9 Milliarden Dollar nicht mithalten.

Die Hebel, über die Alibaba im Riesenreich China verfügt, sind extrem. Ende 2017 zählte das Unternehmen 580 Millionen Kunden, die wenigstens einmal im Monat eine der zum Konzern gehörenden Plattformen besuchten. Zum Vergleich: Der deutsche Internethändler Zalando berichtete zuletzt von europaweit rund 22 Millionen aktiven Nutzern. Dabei profitiert Jack Ma vom chinesischen E-Commerce-Boom – den er in gewisser Hinsicht aber auch selbst erschaffen hat. Das beste Beispiel ist der zum nationalen Shopping-Tag avancierte 11. November, der in China inzwischen eine ähnliche Bedeutung hat wie der „Black Friday“ in den USA.

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Jack Ma trifft Donald Trump kurz nach dessen Wahl zum Präsidenten – noch bevor der chinesische Präsident Xi Jinping den US-Präsidenten kennenlernt.

Begonnen hatte alles 2009, als Taobao und eine weitere Alibaba-Plattform, nämlich Tmall, erstmals am 11. November weitreichende Rabatte offerierten – eine Idee, die angeblich von Jack Ma persönlich kam. Eigentlich sollte der Rabatt nur für Alleinstehende gelten, weil die Einsen in China ein Symbol für „einsame Herzen“ sind. Inzwischen kommen die Abschläge aber allen Kunden zugute, was zur Folge hatte, dass über die Alibaba-Dienste allein am 11. November 2017 Waren im Gesamtwert von 22 Milliarden Dollar vermittelt wurden. Für dieselben Volumina braucht Amazon in China laut „Handelsblatt“ zwei Monate. Bezeichnend: Der Marktanteil der Amerikaner im Reich der Mitte lag zuletzt noch bei etwa 1 %.

In China gilt: mobile first

Dagegen kennen die Geschäftszahlen von Alibaba seit dem Coup gegen eBay nur eine Richtung – nach oben. Dazu trägt natürlich auch die rasante Modernisierung der chinesischen Gesellschaft bei. Ein Beispiel: Einen großvolumigen analogen Einzelhandel, wie er in Deutschland in Form der großen Warenhäuser jahrzehntelang üblich war und wie er im Lebensmittelbereich immer noch funktioniert, hat es in China nie gegeben. Stattdessen vollzog das Land, was das Einkaufsverhalten angeht, innerhalb weniger Jahre den Sprung aus der Vormoderne ins E-Commerce-Zeitalter. Dasselbe gilt für die Telefonie: Viele Chinesen haben nie einen Festnetzanschluss gehabt, benutzen aber heute wie selbstverständlich ihr Smartphone – und zwar nicht nur zum Telefonieren, sondern auch zum Shoppen oder für ihre Bankgeschäfte. Das Desktop-Zeitalter wurde dabei gewissermaßen übersprungen. In China gilt tatsächlich: mobile first.

Alibabas Geldmarktfonds Yu’e Bao gehört mit einem verwalteten Vermögen von 165 Milliarden Dollar zu den größten seiner Art weltweit.

Die große strategische Leistung von Jack Ma ist vermutlich, dass er diese Entwicklung so früh erkannt und so konsequent ausgenutzt hat wie niemand sonst. Alibaba ist längst kein reiner E-Commerce-Konzern mehr, sondern ein omnipräsentes Konglomerat, das aus dem Leben vieler Chinesen gar nicht mehr wegzudenken wäre. Das beste Beispiel hierfür ist Alipay, ein 2004 unter dem Dach von Alibaba gegründetes Payment-Venture, das heutzutage mit mehr als 500 Millionen Nutzern sogar den US-Riesen PayPal überragt.

Nichts geht mehr ohne Alibaba

Wenn Chinesen auf einer der Alibaba-Plattformen shoppen, dann wird die entsprechende Zahlung in der Regel über Alipay abgewickelt. Doch das ist nicht alles – denn anders als PayPal ist es dem chinesischen Pendant mit seiner digitalen Geldbörse gelungen, auch die Offlinewelt zu erobern. Statt mit Cash oder mit Karte zahlen viele von Mas Landsleuten längst mit dem Smartphone. Die Folge: Auch kleine Shops können kaum anders, als Alipay als Zahlungsmittel zu akzeptieren, das Bargeld verliert an Bedeutung. Bezeichnend ist eine Anekdote, die kürzlich durch die chinesischen Zeitungen ging. Demnach wollte eine lokale Bande in Hangzhou ein paar Einzelhändler ausrauben. Nachdem sie drei Läden überfallen hatten, kamen die Täter aber gerade mal auf 2.000 Yuan, was umgerechnet rund 300 Dollar sind. „Alipay hat nun sogar das Business der Kleinkriminellen disruptiert“, kommentierte ein Journalist.

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Testmarkt Hangzhou: erstes voll automatisiertes Restaurant in China – von Alibaba in Kooperation mit einem lokalen Cateringunternehmen.

Die Frage ist: Was will Jack Ma sonst noch alles disruptieren? Der zu Alibaba gehörende Geldmarktfonds Yu’e Bao avancierte vergangenes Jahr mit einem verwalteten Vermögen von 165 Milliarden Dollar zum größten seiner Art weltweit. Mit Alibaba Music, Alibaba Pictures und Alibaba Sports schickte sich der Omni-Entrepreneur inzwischen an, auch das Entertainment-Geschäft in seinem Heimatland aufzumischen. Und dass es sich bei Alibaba längst auch um eine gigantische Datenkrake handelt, versteht sich fast schon von selbst. „Wir sind keine E-Commerce-Firma, sondern ein Datendienstleister“, meinte Jack Ma unlängst.

Und die politischen Ambitionen? Als sich der damals 48-Jährige vor fünf Jahren vom CEO-Posten auf die Position des Alibaba-Chairmans zurückzog, begründete er dies unter anderem damit, dass er sich in Zukunft verstärkt gesellschaftlichen Problemen widmen wolle. An seinem seit jeher guten Verhältnis zu den Machthabern in Peking freilich hat das wenig geändert. So lässt sich über den Entrepreneur und Digitalkapitalisten Ma trotz aller politischen Ambitionen zumindest eines mit ziemlicher Sicherheit sagen: Den Kommunismus will er nicht disruptieren.

Das chinesische Original

China kopiert. Weltweit gibt es wohl keine größere und besser organisierte Industrie zur Kopie von Markenartikeln als in China. Da ist Jack Ma mit Alibaba das leuchtende Gegenbeispiel. „You should learn from your competitor, but never copy. Copy and you die“, so sein Leitspruch. Auf diese Weise hat Ma von seinen amerikanischen Wettbewerbern gelernt – und sie am Ende überholt.

Es müssen aber nicht Wettbewerber sein, von denen man lernt, es können auch Vorbilder sein. Wichtig ist nur, dass man lernt, nicht kopiert. Und lernen ist immer dann am erfolgreichsten, wenn man von etwas begeistert ist.

Was mich an Ma begeistert? Nun, er hat das Rad nicht neu erfunden, war kein Wunderknabe, hat keinen hochkomplexen Algorithmus programmiert. Er hat sich lediglich von einer Idee begeistern lassen und diese dann hartnäckig und beharrlich verfolgt. Als eher unscheinbare Persönlichkeit hat er sich in einem schwierigen politischen System durchgesetzt, hat sich durch Rückschläge wie das Scheitern an der Börse Hongkong nicht unterkriegen lassen. Er hat an seine Vision geglaubt und nicht aufgegeben.

Als Portfolio-Manager schaue ich auf genau diese Managementqualitäten, auf Unternehmer, die für ihre Überzeugung brennen. Jack Ma ist so ein Unternehmer. Ein echtes Original, keine Kopie.

FRANZ FÜHRER,
FONDSMANAGER LUPUS ALPHA

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